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Archiv der Kategorie Stadtgeschichte Gelsenkirchen

Stadtgeschichte: Das “Judenhaus” an der Markenstrasse 29

NS-Zeit in Gelsenkirchen-Horst

Die Bezeichnung “Judenhaus” wurde in Nazi-Deutschland im Alltags- und Behördengebrauch für Wohnhäuser aus ehemals jüdischem Eigentum verwendet, in die ab Herbst 1939 ausschließlich Juden eingewiesen wurden. Diese Häuser wurden außen mit einem großen, gelben Stern gekennzeichnet. Die “Judenhäuser” waren nichts anderes als kleinräumige Ghettos, sie standen unter ständiger Kontrolle der Gestapo. Im Gelsenkirchener Ortsteil Horst befanden sich so genannte “Judenhäuser” an der Fischerstrasse 173, der Markenstrasse 28 und 29.

Die Erfassung der jüdischen Bevölkerung und ihre Konzentration in den so genannten “Judenhäusern” war eine Vorstufe für die im Herbst 1941 beziehungsweise Januar 1942 einsetzenden Massendeportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager in Osteuropa. Am 27. Januar 1942 verließ der erste Menschentransport Gelsenkirchen, mehr als 350 Gelsenkirchener Juden wurden zunächst in das Ghetto Riga verschleppt, die wenigsten von ihnen überlebten die NS-Mord-Maschinerie.

Die Markenstrasse 29 in Gelsenkirchen-Horst heute. Im Erdgeschoß befand sich bis Ende der Dreißiger Jahre das Schuh- und Lederwarengeschäft des jüdischen Kaufmanns Moritz Stein.
Die Markenstrasse 29 in Gelsenkirchen-Horst heute. Im Erdgeschoß befand sich bis Ende der Dreißiger Jahre das Schuh- und Lederwarengeschäft des jüdischen Kaufmanns Moritz Stein.

In der Nazizeit wurde Juden der Besitz an Wohneigentum untersagt – sie wurden enteignet, Haus- und Grundbesitz wurde “arisiert”. Am 30. April 1939 wurde das “Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden” erlassen. Wie zahlreiche andere seit 1933 erschienene Gesetze und Verordnungen trug es massiv dazu bei, das Leben jüdischer Familien weiter zu sanktionieren. Juden und “Arier” sollten nicht mehr unter einem Dach wohnen, Mietverhältnisse mit Juden konnten nun nach Belieben aufgehoben werden. Mit Hilfe der Stadtverwaltung - federführend war dabei das Wohnungsamt - wurden jüdische Familien erfasst und zwangsweise in die so genannte “Judenhäuser” einquartiert. Dies waren in der Regel Häuser, die sich (noch) in jüdischem Eigentum befanden. In die Wohnungen der dort lebenden Menschen wurden in der Folge weitere Familien zwangsweise einquartiert, so dass immer mehr Menschen auf kleinstem Raum zusammengepfercht wurden. In Hamburg wurden beispielsweise pro Person nur sechs bis acht Quadratmeter Wohnfläche zugestanden.

Das Wohn- und Geschäftshaus an der Markenstrasse 29 gehörte dem jüdischen Schuh- und Lederwarenhändler Moritz Stein, der im Erdgeschoß bis zu seinem Tod im Dezember 1938 ein Schuhgeschäft betrieb. Im Haus wohnte bereits die Familie Süsskind, zwangsweise dort einquartiert wurden dann ab 1940/41 Angehörige der Familie Langer, Frieda und Hermann Neudorf, Auguste Bry und die Eheleute Siegmund und Wittel Heinberg. Im Herbst 2012 verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig vor dem Haus Stolpersteine zur Erinnerung an Familie Süsskind.

Victor Klemperer notierte über ein Dresdner “Judenhaus”: “Cohns, Stühlers, wir. Badezimmer und Klo gemeinsam. Küche gemeinsam mit Stühlers, nur halb getrennt - eine Wasserstelle für alle drei (…) Es ist schon halb Barackenleben, man stolpert übereinander, durcheinander.” Klemperer schreibt in seinen Tagebüchern mehrfach über ihm berichtete wie auch selbst erlebte “Haussuchungspogrome”, bei denen die Bewohner von Gestapobeamten beleidigt, bespuckt, geohrfeigt, getreten, geschlagen und bestohlen wurden. “Im Aufwachen: Werden “Sie” heute kommen? Beim Waschen…: Wohin mit der Seife, wenn “Sie” jetzt kommen? Dann Frühstück: alles aus dem Versteck holen, in das Versteck zurücktragen. (…) Dann das Klingeln … Ist es die Briefträgerin, oder sind “Sie” es?”

Umbennung - Straße war nach NS-Täter benannt

Stadt Gelsenkirchen ließ Chance verstreichen

Der Name des NS-Täters Paul Schossier als Namensgeber für eine Straße in Gelsenkirchen ist jetzt endgültig Geschichte. Im letzten Jahr wurde die Straße von der zuständigen Bezirksvertretung Nord umbenannt,  das alte Straßenschild blieb jedoch neben dem neuen ein Jahr durchgestrichen hängen. Auch diese Frist ist verstrichen, der Name des NS-Täters ist nun aus dem öffentlichen Raum verschwunden.

Die Stadt Gelsenkirchen ließ jedoch die Chance verstreichen, den nach dem Nazi-Schreibtischtäter Paul Schossier benannten Weg nach einem unschuldigen, neunjährigen Opfer seiner Tätigkeit umzubenennen. Der Ehrung durch die Straßenbenennung im Öffentlichen Raum, die der Nazi Paul Schossier seit 1966 erfahren hat, eine Ehrung der in Auschwitz ermordeten Rosa Böhmer, die zu den durch Schossier verfolgten Gelsenkirchener Sinti und Roma gehört, gegenüber zu stellen, wäre eine würdige und gerechte Lösung gewesen. Zwar verschwindet mit der Umbenennung der Name des Nazi-Täters endlich aus dem öffentlichen Raum, doch wurde hier die Chance vertan, „… ein Zeichen dafür zu setzen, dass die Stadt Gelsenkirchen die Sinti und Roma, die Bürger dieser Stadt waren, und ihr Schicksal nicht vergisst und dass ihre Geschichte auch heute noch einen Platz in Gelsenkirchen hat.“ Mit diesen Worten hatte Roman Franz, der Vorsitzende des Landesverbandes der Sinti und Roma, die Umbenennung des „Paul-Schossier-Weg“ in „Rosa-Böhmer-Weg“ befürwortet.

Die Umbenenung war bereits 2008 von Andreas Jordan, Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Gelsenzentrum e.V. vor dem Hintergrund neuer Recherchen des Vereins angestoßen worden. Die lokale Politik reagierte daraufhin und gab ein Gutachten in Auftrag, dass Paul Schossiers Beteiligung am NS-Völkermord in seiner Eigenschaft u.a. als Rechts- und Polizeidezernent erneut bestätigte. So war Paul Schossier für die Deportation und die daran anschließende Ermordung der Gelsenkirchener Angehörigen des Volkes der Sinti und Roma im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau mitverantwortlich. Der Vorschlag des Gelsenzentrum e.V., der auch vom Landesverband der Sinti und Roma in NRW unterstützt wurde, den ehemaligen “Paul-Schossier-Weg” nach einem Opfer des “Wirkens” von Paul Schossier, dem 9-jährigen Sinti-Mädchen Rosa Böhmer aus Gelsenkirchen zu benennen, fand dagegen weder im Rat der Stadt Gelsenkirchen noch in der Bezirksvertretung Nord eine Mehrheit.

Die Anwohner des “Paul-Schossier-Weges” reagierten seinerzeit in Kenntniss der “über das Mitläufertum hinausgehende Betätigung des Namensgebers Paul Schossier” während der Zeit des Nazi-Regimes dennoch mit Unverständnis über die Umbenennung, wie es Anwohner Heinz Hackstein in einer Bürgeranfrage darlegte. Dagegen hieß es von Seiten der Politik, die Umbenennung sei “nachvollziehbar und vernünftig, man bedauere, dass es erst so spät zu einer Umbenennung kam”. Der neue Namensgeber Josef Sprenger, ein Lokalpolitiker und ehemaliger Bürgermeister, wurde 1933 von den Nazis aus dem Dienst entlassen. Sprenger war in der NS-Zeit keiner direkten Verfolgung ausgesetzt. Er verließ nach seiner Entlassung Gelsenkirchen und lebte bis zu seinem Tod 1951 in Essen.

Der Name des NS-Täters ist aus dem öffentlichen Raum entfernt worden

Erinnerung braucht Pflege

Stadt Gelsenkirchen lässt Gräber von NS-Opfern herrichten

Bekanntlich mahlen die Mühlen der meisten Stadtverwaltungen sehr langsam. Das es auch anders geht, hat jetzt die Stadt Gelsenkirchen gezeigt. Nachdem die Gelsenkirchener Gruppe der VVN/BdA kürzlich in einem Brief an die Stadt den schlechten Pflegezustand eines Grabfeldes auf dem Ostfriedhof hingewiesen hatte, hat die Stadt jetzt schnell und unbürokratisch Abhilfe geschaffen.

Das Grabfeld, auf dem nach Gelsenkirchen verschleppte Zwangsarbeiter bestattet sind, die hier zwischen 1941-1945 durch Gewalt, Hunger und Krankheit zu Tode gekommen sind, wurde jetzt von Gelsendienste wieder in einen würdigen Zustand versetzt. Die Grabsteine wurden von Moos und Verschmutzung gereinigt, mit Steinplatten eingefasst und neu bepflanzt, auch Rasen wurde neu eingesät.

Das Grabfeld auf dem Gelsenkirchener Ostfriedhof wurde jetzt hergerichtet

Der Rote Emscherbote schreibt:
→ Zwangsarbeiter-Gräber auf dem Ostfriedhof in Hüllen werden gepflegt

Wider dem Vergessen - Novemberpogrome 1938

Gedenken und Erinnern an die Opfer der Pogromnacht

Auch in diesem Jahr finden an vielen Orten in Deutschland Veranstaltungen zum Gedenken an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger statt, die in der so genannten “Reichskristallnacht” vom 9. auf den 10. November 1938 Opfer der rassistisch motivierten Gewalttaten gegen Leib, Leben und Eigentum wurden - so auch in Gelsenkirchen.

In Gelsenkirchen beginnt die diesjährige - von der Demokratischen Initiative getragene - Veranstaltung  zum Gedenken an die Pogromnacht um 18:30 Uhr am Südeingang des Gelsenkirchener Hauptbahnhofes in der Neustadt. Dort formiert sich ein Schweigezug, der zur Begegnungsstätte “Alter Betsaal” an der Von-der-Recke-Straße 9 zieht. Halt macht der Schweigezug an der Grasreinerstraße bzw. Klosterstraße, dort ist eine Kundgebung mit einer Rede von Oberbürgermeister Baranowski geplant.

Der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum e.V. ruft die Bürgerinnen und Bürger zur Teilnahme an den Kundgebungen und Gedenkveranstaltungen demokratischer Organisation und Gruppierungen zur Erinnerung und zum Gedenken an die jüdischen Menschen auf, die 1938 in vielfältiger Form zu Opfern der Novemberpogrome wurden. “Wir müssen wachsam sein und uns entschlossen und gemeinsam gegen das Vergessen, gegen Extremismus, Rassismus, Antisemitismus und gegen Gewalt stellen - und das nicht nur am Jahrestag der Pogrome“, so Andreas Jordan, Vorsitzender des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte in Gelsenkirchen.

→ Die Novemberpogrome 1938 in Gelsenkirchen

Mahntafel erinnert in Gelsenkirchen bald an NS-Wirtschaftsverbrechen

Antrag der VVN/BdA NRW hatte Erfolg

Auf seiner gestrigen Sitzung beschloß der Kulturausschuß in Gelsenkirchen einstimmig die Errichtung von Mahntafeln.  Die VVN/BdA NRW hatte im Rahmen der Aktion Rallye und Spurensuche „Verbrechen der Wirtschaft 1933-1945“ im Mai den Antrag beim Rat der Stadt Gelsenkirchen gestellt, an adäquater Stellen  Mahntafeln zu errichten.

Der von der VVN/BdA NRW gestellte Antrag beim Rat der Stadt Gelsenkirchen:

1) An geeigneter Stelle wird in Gelsenkirchen eine Mahntafel angebracht mit einem Text, der darauf hinweist, dass in Gelsenkirchen der Großindustrielle Emil Kirdorf (1847-1938) wirkte. Er war Bergbau- und Hüttenunternehmer und hatte schon seit 1923 Kontakt zur NSDAP, wurde 1927 Mitglied dieser Partei und verschaffte Hitler viel Geld und beste Kontakte zu anderen Industriellen, die dann seinen Aufstieg und den Weg Deutschlands ins Verderben förderten. Er war einer der Hauptförderer der NSDAP.  Hitler nannte ihn seinen Lebensretter, weil Kirdorf auch privat Hitler finanzierte.

2) An geeigneter Stelle wird  Gelsenkirchen eine Mahntafel angebracht mit einem Text, der darauf hinweist, dass in Gelsenkirchen der Großindustrielle Fritz Thyssen (1873-1951) wirkte. Er war Leiter des Thyssen-Konzerns und der Vereinigten Stahlwerke. Er war ab 1923 finanzieller Förderer der NSDAP und öffnete ihr die Tür zur westdeutschen Schwerindustrie. Somit half er Hitler zum Aufstieg und bereitete Deutschland und Europa den Weg ins Verderben. Auch nachdem er 1939 ins Ausland ging und dann in deutsche Gefangenschaft geriet war er Profiteur an Krieg und Massensterben.

3) An geeigneter Stelle wird  Gelsenkirchen eine Mahntafel angebracht mit einem Text, der darauf hinweist, dass in Gelsenkirchen der Großindustrielle Hugo Stinnes (1897-1982) wirkte. Ab 1924 übernahm er von seinem Vater den Konzern, der u.a. den Alldeutschen Verband und andere Nazi-Vorläufer förderte. Er war Kriegsgewinnler. Mit dem Nazikriegsverbrecher und NS-Putschisten Werner Best unterhielt er vor und nach 1945 umfangreiche politische und geschäftliche Kontakte. Er förderte bis zu seinem Tode Alt- und Neonazis.

Begründung:

Mit Anträgen und Aktionen wie obigen setzt die VVN-BdA ihre Rallye „Verbrechen der Wirtschaft 1933-1945“ fort, in deren Rahmen mit örtlichen Mahnwachen, Publikationen und Bürgeranträgen zur Aufklärung über die Verbrechen der Wirtschaft 1933-1945 aufgefordert wird. Sie wurden von der VVN-BdA und anderen Antifaschistinnen und Antifaschisten u. a. veranstaltet in: Bielefeld (Oetker), Herten (Zwangsarbeit im Bergbau), Dortmund-Mitte (Ex-Springorum-Villa), Dortmund-Hörde (Zwangsarbeit in der Stahlindustrie), Essen (Krupp), Düsseldorf  (Industrieklub), Leverkusen (IG Farben), Köln (Hitler und Banker in Villa Schröder), Kreuztal (Flick) und Siegen (Zwangsarbeit in Südwestfalen).

VVN/BdA NRW: → „Spurensuche Verbrechen der Wirtschaft 1933-1945“

Gelsenzentrum e.V.: → Von dem, was Kirdorf wirklich für uns getan hat…

Gedenkzeremonie auf dem Horster Friedhof

Schwestern starben bei Bombenangriff

Mahnmal für jüdische Zwangsarbeiterinnen

Heute vor 67 Jahren, am 11. September 1944 starben bei einem Bombenangriff auf die Gelsenberg Benzin AG mehr als 150 weibliche KZ-Häftlinge, die dort Zwangsarbeit leisten mussten. Ihnen war als Jüdinnen der Zutritt zu Bunkern und Schutzräumen verboten.

Vertreter von Gelsenzentrum (Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Gelsenkirchen) legten heute am Mahnmal in Gedenken an die Zwangsarbeiterinnen Blumen nieder. Auf Wunsch von Eugen Black, der an diesem Jahrestag nicht persönlich anwesend seien konnte, wurde in seinem Namen für seine Schwestern Jolán and Paula Schwartz, zwei der namentlich bekannten Opfer des Bombenangriffs, eine Kerze entzündet und ein Blumengebinde niedergelegt.

Ein fast vergessener Ort

Das KZ-Außenlager Buchenwald  in Gelsenkirchen-Horst

Nur wenigen Gelsenkirchenern und Gelsenkirchenerinnen ist bekannt, dass in Gelsenkirchen-Horst im so genannten “Dritten Reich” ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald  existierte. Aus dem KZ Auschwitz im Sommer 1944  nach Gelsenkirchen verschleppt, sollten 2000 Jüdinnen auf dem Hydrierwerk der Gelsenberg Benzin AG Zwangsarbeit  verrichten. Untergebracht waren die weiblichen Häftlinge in einem eigens dafür errichteten Lager nördlich des Linnenbrinksweg auf dem Betriebsgelände des Werkes. In dem mit  Stacheldraht umzäunten und von Wachtürmen umgebenen Lager waren die Frauen unter unmenschlichen Bedingungen in Zelten untergebracht.

Bei einem Luftangriff auf das Hydrierwerk am 11. September 1944 waren die Frauen und Mädchen dem Bombenhagel schutzlos ausgesetzt - als Jüdinnen war ihnen der Zutritt zu Bunkern und Schutzräumen verboten. Etwa 250 von ihnen wurden bei dem Angriff getötet, ihre sterblichen Überreste mussten die anderen Häftlinge einsammeln, in drei Bombentrichtern wurden die Leichen und Körperteile gesammelt. Anschließend versuchte man, diese zu verbrennen, die Überreste wurden verscharrt. Die Schwerstverletzten wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht, wo weitere der Frauen an den Verletzungsfolgen starben. Einige Tage nach dem Bombenangriff wurde das Außenlager Gelsenkirchen aufgelöst und auch die dort noch inhaftierten Frauen in das KZ Sömmerda transportiert, je nach Genesungsfortschritt wurden auch die übrigen Frauen in der Folgezeit aus den Krankenhäusern in das KZ-Außenlager Sömmerda verschleppt.  Die in den Augen der Gestapo nicht transportfähigen übrigen Frauen wurden an unbekannten Orten in  Gelsenkirchen erschossen und verscharrt.

1948 wurde unweit der Stelle, an der man seinerzeit die  Massengräber vermutete - südlich des Linnenbrinksweg - ein Mahnmal zur Erinnerung an die bei dem Bombenangriff getöteten Frauen errichtet. Das Mahnmal wurde in den frühen 1950er Jahren vor dem Hintergrund der Werkserweiterung von Gelsenberg an den Rand des Horster Südfriedhofes verlegt,  dabei sollen nach “Zeitzeugenberichten” auch sterbliche Überreste der bei dem Bombenangriff getöteten Frauen umgebettet worden sein. Dagegen spricht unter anderem auch, dass  das  Friedhofsamt der Stadt Gelsenkirchen 1949 in einer Stellungnahme zwar angab, dass sich im Linnenbrink zwar “drei Sammelgräber” der getöteten ungarischen Jüdinnen  befinden, die genauen Orte der Sammelgräber aber nicht mehr feststellbar” sei. Es muss heute davon ausgegangen werden, dass seinerzeit - wenn überhaupt - nur ein geringer Teil  der sterblicher Überreste umgebettet worden ist. Sowohl der Standort des ehemaligen Außenlagers wie auch die Fläche mit den vermuteten Massengräbern befinden sich heute auf  dem Betriebsgelände der BP-Raffinerie und sind nicht öffentlich zugänglich.

Auf dem Horster Friedhof wurde am Standort des Mahnmals 2003 eine Tafel aufgestellt, auf der 140 der namentlich bekannten Opfer des Bombenangriffs verzeichnet sind. In der Erinnerungskultur Gelsenkirchens ist der Jahrestag des 11. September 1944 nicht verankert. Auch aus diesem Grunde ist es wichtig, das die Geschichte des KZ-Außenlagers in Gelsenkirchen nicht gänzlich vergessen wird - und damit auch die Geschichte der Frauen und Mädchen,  die dort nur deshalb starben, weil sie Jüdinnen waren.

Das KZ-Außenlager Buchenwald in Gelsenkirchen-Horst: → Hintergründe und Zeitzeugenberichte

Gelsenkirchen wollte Dokumente nicht haben

Joseph P. Krause übergibt 10 Ordner Dokumentation an Stadtarchiv Neuss

Das Stadtarchiv Neuss hat jetzt die ersten 10 Aktenordner - die bisher umfangreichste, biographische Sammlung von Materialien zur Person des Pater Vell - übernommen und unter der Signatur D.04.K.13 archiviert. An seinem Wirkungs- und Leidensort Gelsenkirchen, wo Pater Vell an St. Joseph Schalke von der Gestapo nach der Denunziation durch den SS-Mann Wilhelm Ferlmann von der Gestapo verhaftet wurde, war niemand an den Vell-Dokumenten interessiert. Krause hatte die Überlassung der Dokumente dem Institut für Stadtgeschichte in Gelsenkirchen in der Vergangenheit mehrfach angeboten - vergebens.

Joseph P. Krause, der seit seiner Pionierzeit in Israel offiziell auch den hebräisierten Zweitnamen “Joseph Israel Ben Gal” trägt, hatte seit 1946 Dokumente zum “Volksgerichtshof”-Todesurteil gegen Pater Vell, der mit der Familie Krause befreundet war, gesammelt. Ein Teil der Akten wurde nach dem II. Weltkrieg von NS-Kadern auch in Gelsenkirchen wiederholt bei Krause beschlagnahmt und 1983 in Neuss unter zweifachem Mordversuch aus Krauses Wohnung geraubt. So mußte Krause die Akten, von denen ein kleines Konvolut seit Jahren bei Yad Vashem in Jerusalem deponiert ist, mehrmals in mühevoller Arbeit rekonstruieren. Krause stand mit Pater Vell bis zu dessen Tod 1965 in Verbindung. Auf Antrag von Joseph P. Krause hob 1999 die Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Berlin I das Todesurteil auf.

Seit Jahren setzt sich Krause unermüdlich dafür ein, dass Pater Vell ein ehrendes Andenken im öffentlichen Raum der Stadt Gelsenkirchen gewidmet wird. Bereits im Jahr 2004 hatte Krause in einem Brief an Oberbürgermeister Baranowski geschrieben: “(…) Da Pater Vell nicht nur eine Zierde Gelsenkirchens darstellt, sondern auch der Jugend als Vorbild vorgestellt werden kann, möchte ich Sie bitten, nach Ihren Möglichkeiten Herrn Pater Vell posthum eine Ehrung der Stadt Gelsenkirchen zukommen zu lassen. Für durchaus realisierbar halte ich meinen Vorschlag, daß der bisher unbenannte Platz, auf dem die Pfarrkirche St. Joseph in Schalke steht, evtl. als “Pater-Vell-Platz” nominiert wird. Ich denke, daß ich bei Ihnen Verständnis für meine Vell-Aktion finde. (…)” Das lauthalse Schweigen aus Gelsenkirchen signalisierte Krause jedoch, dass hier weder für seinen Namenswidmungs-Vorschlag noch für die Archivierung der Vell-Dokumentation Bereitschaft vorhanden ist.

Vor dem Hintergund der Errichtung der Erinnerungsorte-Tafel werden wir die Anregung von Herrn Krause, den Platz vor der Kirche nach Pater Vell zu benennen, erneut vortragen. In Gelsenkirchen hatte es in der jüngeren Vergangenheit mehrere Benennungen von Plätzen nach Menschen, die sich dem NS-Regime entgegen stellten, z.B. den Rudolf-Bertram-Platz oder den Fritz-Rahkob-Platz, gegeben.

→ Initiative: Erinnerungsort für Pater Hermann Joseph Vell in Gelsenkirchen-Schalke

Erinnerung braucht Pflege

Ortstermin auf dem Ostfriedhof in Hüllen

Gestern besuchten MitgliederInnen der VVN/BdA Gelsenkirchen ein Gräberfeld auf dem Ostfriedhof. Nachdem Ursula Möllenberg auf den schlechten Pflegezustand des Feldes hingewiesen hatte, wollten sich die TeilnehmerInnen bei der Begehung ein Bild davon machen.

Auf diesem Gräberfeld wurden nach Gelsenkirchen verschleppte Zwangsarbeiter bestattet, die hier zwischen 1941-1945 durch Gewalt, Hunger und Krankheit zu Tode gekommen sind. Auf dem Gräberfeld wurden 55 sowjetische Kriegsgefangene und 324 Zwangsarbeiter bestattet: 265 aus der Sowjetunion, 39 aus Polen und 20 aus Westeuropa.

Der vorgefundene schlechte Pflegezustand des Gräberfeldes hat die TeilnehmerInnen betroffen gemacht. Die Gedenksteine sind teilweise mit Moos und Flechten bewachsen, so dass Inschriften kaum noch bzw. garnicht lesbar sind. Grasflächen zwischen den Steinen sind abgestorben. Von einem einen würdigen Zustand kann wahrlich keine Rede sein. Den Opfern von Verschleppung und Zwangsarbeit im zweiten Weltkrieg steht es zu, dass ihre Gräber in gleicher Weise wie die aller anderen Kriegstoten gepflegt werden. → Fotostrecke

Gedenken in Gelsenkirchen

Gelsenzentrum erinnerte an getötete sowjetische Zwangsarbeiter

Aus Anlass des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion fand am Mittwoch auf dem Südfriedhof in Gelsenkirchen-Horst eine Gedenkveranstaltung statt, die an das Leiden und Sterben der Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion erinnerte. Auf dem Friedhof in Gelsenkirchen-Horst befindet sich das größte Sammelgrab für sowjetische Zwangsarbeiter, die in Gelsenkirchen im Zweiten Weltkrieg zu Tode gekommen sind. Der Verein Gelsenzentrum hatte zu der Gedenkstunde eingeladen. Bürgerinnen und Bürger legten gemeinsam mit diplomatischen Vertretern der Republik Belorus und der Ukraine Kränze und Blumen am Gedenkstein nieder. Andreas Jordan, Vorsitzender des Vereins Gelsenzentrum, hielt eine Gedenkrede, Wolfgang Held als Vertreter des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. las aus einem Brief einer überlebenden Zwangsarbeiterin vor, die ihre unfreiwillige Zeit in Nazi-Deutschland schilderte.

Nur einige hundert Meter Luftlinie von dem Gedenkstein auf dem Gräberfeld entfernt befand sich der größte Lagerkomplex in Gelsenkirchen, in dem sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter zwischen 1941-1945 unter unmenschlichen Lebensbedingungen untergebracht waren. Durch harte Arbeit, Unterernährung, Krankheit und Erschöpfung, durch Schikane, Folter und Mord starben viele der Zwangsarbeiter. Auch das Verbot, bei Bombenangriffen in den Bunkern und Luftschutzkellern Schutz zu suchen, setzte viele von ihnen dem sicheren Tod aus.

Ihre namenlosen Gräber sind die einzigen Spuren, die sie hinterließen, über Ihre Schicksale ist in den allermeisten Fällen nichts bekannt. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Sie wurden gegen ihren Willen zur Zwangsarbeit nach Gelsenkirchen verschleppt.

Gedenkstunde aus Anlass des 70. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion

Am Rande bemerkt: Vetreter aus Politik und Verwaltung der Stadt Gelsenkirchen oder Vertreter der örtlichen “Presse” nahmen trotz Einladung nicht an der Gedenkveranstaltung teil, gänzlich verzichtet hatte man auch auf die Übersendung von Blumen oder Kränzen. Auch der Vorstand des Vereins zur “Förderung der Städtepartnerschaft Gelsenkirchen-Schachty (Ukraine)” hielt es nicht für notwendig, mit seiner Teilnahme ein Zeichen zu setzen.