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Archive für Januar 2012

Die Erinnerung wach halten

Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus

Die “Woche der Erinnerung” fand am Freitagabend mit einem Schweigegang durch die Bahnhofstraße und der daran anschließenden Gedenkveranstaltung “Gelsenkirchener Lichter” ihren Abschluss. Der Tag des Gedenkens an die Befreiung der Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz erinnerte auch an die erste Verschleppung jüdischer Menschen von Gelsenkirchen nach Riga.

Die Gedenkveranstaltung auf dem Neumarkt in der Gelsenkirchener Innenstadt erinnerte am Abend des 27. Januar an den geplanten, beschlossenen und systematisch durchgeführten Völkermord an den europäischen Juden, Sinti und Roma und schloss dabei alle Opfer des totalitären NS-Regimes ein, ungeachtet ihrer Nationalität, Ethnie, Hautfarbe, Religion, Weltanschauung oder sonstiger Merkmale. Erinnert wurde auch an diejenigen, die von den Nazis schikaniert, inhaftiert, gefoltert und ermordet wurden, weil sie Widerstand leisteten oder verfolgten Menschen Schutz und Hilfe gewährten.

An diesem Tag jährte sich auch zum 70. Male die erste Deportation jüdischer Menschen aus Gelsenkirchen. Die allermeisten der am 27. Januar 1942 nach Riga verschleppten jüdischen Menschen wurden von den Nazis ermordet. Die oftmals einzigen Spuren ihres Lebens finden sich heute nur noch in den alten Meldeunterlagen der Stadt. Es sind bürokratischen Vermerke wie „nach dem Osten abgeschoben“ oder „unbekannt verzogen“. Es blieben nur wenige am Leben, die Zeugnis ablegen konnten.

Herman Neudorf, einer der wenigen Gelsenkirchener Juden, die 1945 von den Alliierten befreit wurden, formuliert es so: “Oft wundert man sich selbst, dass man diese schrecklichen Jahre überhaupt überleben konnte.” Veranstalter Andreas Jordan von Gelsenzentrum e.V. sagte in seiner Rede: “Gemeinsam wollen wir heute auch an die Menschen aus Gelsenkirchen denken, denen in Riga und anderswo unbeschreibbares Leid zugefügt worden ist, die dennoch überleben konnten. Ihre Leidenswege sollen heute nicht unbedacht bleiben.” Eine Aufzeichnung der Gedenkveranstaltung wird den in den USA lebenden “Gelsenkirchen Survivors” - eine Gruppe Gelsenkirchener Juden, die den Holocaust überlebt haben - auf Wunsch zur Verfügung gestellt.

Roman Franz, Vorsitzender des Landesverbandes NRW und Vorstandsmitglied des Zentralrates und des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma betonte in seiner Ansprache, wie wichtig es sei, “nicht mehr wegzuschauen, denn wir wissen alle, zu was der Nationalsozialismus führte. Leider fehlt hier in Gelsenkirchen aber immer noch ein öffentliches Zeichen der Erinnerung und des Willens, dass Schicksal der aus Gelsenkirchen verschleppten und in Auschwitz ermordeten Sinti und Roma nie zu vergessen. Der Sinn unseres Gedenkens ist nicht Anklage und Schuldzuweisung, sondern Ermutigung zum handeln - die Erinnerung an das Geschehen durch Zeichen des Gedenkens oder Veranstaltungen wie die heutige ist ein Appell an unsere Verantwortung für unser Zusammenleben heute. Politikerinnen und Politiker sollten darin besonders Vorbilder sein, heutigen Erscheinungen von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus endlich entschiedener entgegenzutreten, denn diese sind keineswegs harmloser als damals.”

Marianne Konze spricht zum Holocaust-Gedenktag 2012 in Gelsenkirchen
Marinanne Konze (Jg. 1929) berichtete von Faschismus und Krieg

Auch Dr. Michael Krenzer (Zeugen Jehovas), Marianne Konze (VVN/BdA), Toni Lenz (MLPD) und Kalle Wittmann (AUF) hoben in ihren Wortbeiträgen hervor, dass es grade in unserer Zeit – nicht nur aufgrund des Terrors der NSU und vieler anderer Nazis in Deutschland – wichtig ist, sich der geschichtlichen Verantwortung Deutschlands während des Nationalsozialismus bewusst zu werden. Die Gelsenkirchener Stadtspitze, wie auch Vertreter der etablierten Parteien, der Kirchen sowie der “Demokratischen Initiative” suchte man auf der Gedenkveranstaltung vergeblich. “Wo ist der Oberbürgermeister von Gelsenkirchen? Wo sind die politischen Vertreter und Vertreterinnen? Warum stehen sie nicht hier?” fragte Bärbel Beuermann (DIE LINKE) in ihrem Wortbeitrag, und weiter führte sie aus: “Ich vermisse diese Solidarität der Stadt Gelsenkirchen und ich mahne an: Wenn Mahnen und Gedenken nicht respektiert wird, dann gehen wir in eine Zukunft, die wir alle nicht haben wollen.” Die Gedenkveranstaltung endete mit dem Appell an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer: “Seit wachsam! Nie wieder Faschismus!”

Gedenktage und das Erinnern sind für unsere Gesellschaft wichtig, weil sie Demokratie und Menschenrechte stärken. Der Holocaust-Gedenktag am 27. Januar muss uns auch künftig dazu anhalten, über die gegenwärtige gesellschaftliche und politische Bedeutung von Nationalsozialismus und Holocaust nachzudenken. Dazu bedarf es einer lebendigen Erinnerungskultur quer durch alle gesellschaftlichen Schichten und Gruppen in der Stadt.

Der Rote Emscherbote schreibt: Doppeltes Gedenken

Erinnerung an Wannseekonferenz vor 70 Jahren

“Woche der Erinnerung” beginnt mit Filmpräsentation

Mit der gut besuchten Präsentation des Dokumentarfilmes “Nacht und Nebel” begann am Vorabend der berüchtigten Wannsee-Konferenz in Gelsenkirchen die von Gelsenzentrum e.V. initiierte Veranstaltungsreihe  “Woche der Erinnerung”. In seiner Einführung zum Film ging Hartmut Hering unter anderem auch der Frage nach, ob man diesen Film heute noch zeigen bzw. sehen muss. Eindeutige Antwort: Ja, man muss.

Der Film “Nacht und Nebel” des französischen Regisseurs Alain Resnais aus dem Jahr 1955 zeigt auf eindringliche Weise, wie die auf der Wannssee-Konferenz festgelegten mörderischen Details im NS-Staat umgesetzt wurden. In der sich der Filmvorführung anschließenden Diskussion kamen auch Zeitzeugen zu Wort, die von persönlichen Erfahrungen in der NS-Zeit berichteten.

Auf der Wannsee-Konferenz wurden am 20. Januar 1942 - heute vor 70 Jahren - von 15 führenden Nazis die planerischen Details zum Massenmord an den europäischen Juden besprochen und festgelegt. Die so genannte “Endlösung der europäischen Judenfrage” sah die systematische Vertreibung und fabrikmäßige Vernichtung von rund elf Millionen Menschen vor. Einer der Teilnehmer der Wannseekonferenz war der fanatische NS-Funktionär und Gauleiter von Westfalen-Nord Alfred Meyer, der seine politische Karriere in Gelsenkirchen begann.

Einführung zum Film von Hartmut Hering (PDF)

Die Wannsee-Konferenz: Koordination des Massenmordes

Der Rote Emscherbote schreibt: „… bei Aushebungen in Warschau …“

Nazis stören Kundgebung in Gelsenkirchen

Rechte Störaktion auf dem Preuteplatz

Vier Jugendliche aus dem rechten Spektrum störten die wöchentlich stattfindende Montagsdemonstration auf dem Preuteplatz in der Gelsenkirchener Innenstadt.

Nach Angaben der Veranstalterin hielten sich die Neofaschisten bereits längere Zeit am Rand der Kundgebung auf und beobachteten zunächst das Geschehen. Beim Thema  “Verstrickung von NSU und Verfassungsschutz” begannen die Nazis, die Demonstration durch laute Zwischenrufe, Parolen und Pöbeleien erheblich zu stören. So bekundeten sie unter anderem lauthals ihre Symphatie mit dem norwegischen Massenmörder Andres Behring Breivik. Anmelderin Martina Reichmann verwies die rechten Störer daraufhin der Kundgebung. Die Polizei war an diesem Montag nicht vor Ort.

Großbrand: Bisher keine Hinweise auf politisch motivierte Tat

Erneute Prüfung auf rechtsradikalen Hintergrund

Der oder die Täter konnten nach der Brandstiftung in einem Wohnwagen-Winterquartier in Gelsenkirchener Ortsteil Feldmark bisher nicht ermittelt werden. In der Nacht vom 4. auf den 5. November 2010 wurden in einer überwiegend von Sinti und Roma bewohnten Siedlung an der Katernbergerstraße 19 der dort auf einem Platz abgestellten Wohnwagen und Wohnmobile der Minderheit bei einem Großbrand vernichtet, Personen kamen nicht zu Schaden. Schnell stand damals fest, dass Brandstiftung die Ursache für das Feuer war. Hinweise auf eine politisch motivierte Tat gab es laut Polizei seinerzeit nicht.

Der Gelsenkirchener Rolf Jüngermann (DKP) hatte jüngst in einem an die Staatsanwaltschaft Essen und den Gelsenkirchener Polizeipräsidenten gerichteten Brief angeregt, die Tat auf mögliche Zusammenhänge mit der Mordserie des “Nationalsozialistischen Untergrunds” (NSU) zu prüfen.

Staatsanwalt Marcus Schütz teilte auf unsere Nachfrage mit, dass die Ermittlungen in diesem Fall noch nicht abgeschlossen sind. Auch in der Zwischenzeit habe es keine Hinweise auf eine politisch motivierte Tat gegeben. Die Frage nach der Intensität der bisherigen Ermittlungen in diese Richtung blieb allerdings unbeantwortet, ebenso wie die Frage, ob der Staatsschutz eingeschaltet wurde. Aufgrund der aktuellen Ereignisse wird der Sachverhalt jedoch nochmals auf einen rechtsradikalen Hintergrund hin überprüft, so Staatsanwalt Schütz.

Nach dem Großbrand im Wohnwagenpark von Sinti und Roma in Gelsenkirchen
Foto: Gelsenzentrum e.V.

Gedenken an den Holocaust

Woche der Erinnerung in Gelsenkirchen

Filmvorführungen im Kulturzentrum “die Flora”, Florastraße 28:

“Nacht und Nebel”

19. Januar 2012
Beginn 19 Uhr mit einem Vortrag von Hartmut Hering

“Nacht und Nebel” - Ein Film als Mahnmal gegen das Vergessen am Vorabend des 70. Jahrestages der berüchtigten Wannseekonferenz. Der Film nimmt seinen Ausgang in den grün überwucherten Ruinen von Auschwitz und zeigt dann in einem Rückblick das Geschehen in den Todeslagern, die gnadenlose menschenverachtende Präzision der “Endlösung”. Ein filmisches Dokument von erbarmungsloser Eindringlichkeit. Diese Qualität und sein Stellenwert als Warnung vor kollektiver Entmenschlichung im Zuge ideologischer Verblendung und politischer Diktatur verleihen dem Film eine zeitlose Aktualität.

“Alles weiß ich noch… und das ist das Schlimme an der Geschichte”

26. Januar 2012
Beginn 19 Uhr mit einem Vortrag von Dr. Rolf Heinrich

“Alles weiß ich noch… und das ist das Schlimme an der Geschichte” - Videomitschnitt eines zeitzeugenschaftlichen Vortrages von Rolf Abrahamsohn. Der 86-jährige ist einer der wenigen jüdischen Überlebenden des Holocaust, der noch aus eigenem Erleben von der Deportation am 27. Januar 1942 von Gelsenkirchen nach Riga und seinen Gewalterfahrungen unter dem Terrorregime der Nazis berichten kann. Rolf Abrahamsohn berichtet von seinem und dem Leidensweg seiner Familie und dem von Freunden, der in die Konzentrationslager Kaiserwald, Stutthof und Buchenwald, in ein Außenlager von Buchenwald beim Bochumer Verein und weiter nach Theresienstadt führte.

Der Eintritt zu den Filmvorführungen ist frei - Um eine Spende für das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen wird gebeten.

Gedenkveranstaltung “Gelsenkirchener Lichter”

70. Jahrestag der Deportationen von Gelsenkirchen nach Riga

27. Januar 2012 Internationaler Holocaust-Gedenktag
18:30 Uhr Treffen auf dem Bahnhofsvorplatz

Die Gedenkveranstaltung am Internationalen Holocaust-Gedenktag erinnert an alle Opfer des nationalsozialistischen Terrors und an die erste Deportation jüdischer Kinder, Frauen und Männer aus Gelsenkirchen vor 70 Jahren. Der sich anschließende Schweigegang führt über die Bahnhofstraße zum Neumarkt. Dort sind neben dem Aufstellen und Entzünden der “Gelsenkirchener Lichter” auch Redebeiträge geplant, es sprechen u.a. Roman Franz (Landesverband der Sinti und Roma NRW), Dr. Michael Krenzer (Zeugen Jehovas) und Marianne Konze (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - VVN/BdA). Der Verein Gelsenzentrum e.V. lädt herzlich ein.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden gebeten, Kerzen mitzubringen.

70. Jahrestag der Deportationen von Gelsenkirchen nach Riga

27. Januar 1942 - der erste Deportationszug mit Ziel Riga verlässt Gelsenkirchen

“Es ist schwer zu sagen, wer das bessere Los gezogen hat. Denn selbst die wenigen, die schließlich überlebt haben, auch sie sind für ihr Leben gezeichnet. Sie haben jeder für ihr ganzes restliches Leben noch an dem zu tragen, was sie seelich und körperlich dort erlitten haben.”

Am 27. Januar 1942 rollte der erste “Sammeltransport” mit Kindern, Frauen und Männern jüdischer Herkunft von Gelsenkirchen Richtung Osten. Bestimmungsort der Menschenfracht war das Ghetto Riga. 359 Gelsenkirchener Juden wurden in die zum “Sammellager” umfunktionierten Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz unter unmenschlichen Bedingungen eingepfercht. Auch Juden aus umliegenden Revierstädten wurden nach Gelsenkirchen transportiert.

Die Gelsenkirchener Jüdin Helene Lewek wählte in der Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz angesichts der bevorstehenden Deportation die Flucht in den Tod. Auf dem Weg nach Riga wurden weitere Menschen an verschiedenen Haltepunkten - u.a. in Dortmund und Hannover - in den Zug gezwungen. Der Deportationszug der Deutschen Reichsbahn erreichte schließlich mit etwa 1000 Menschen am 1. Februar 1942 Riga in Lettland.

Der überwiegende Teil der aus Gelsenkirchen und anderen Städten am 27. Januar verschleppten Juden wurden im Ghetto Riga oder in Konzentrationslagern ermordet. Zu den wenigen, die oftmals als Einzige ihrer Familien den Holocaust überlebt haben, gehören Rolf Abrahamsohn, Bernd Haase, Herman Neudorf und Elli Kamm, geborene Diament. Sie schildern hier, wie sie die Deportation aus Gelsenkirchen und die Ankunft in Riga erlebt haben.

Rolf Abrahamsohn

Der heute 86jährige Rolf Abrahamsohn aus Marl erinnert sich:

“Am Morgen des 24. Januar um sieben Uhr wurden wir in Recklinghausen lebenden Juden aus den Häusern geholt. Wir standen bis nachmittags um vier auf der Straße, bevor man uns mit Lastwagen nach Gelsenkirchen zur Ausstellungshalle am Wildenbruchplatz brachte. Am 27. Januar verließ der Deportationszug mit einigen hundert Juden aus Gelsenkirchen, Recklinghausen und weiteren umliegenden Orten die Stadt. Man hatte uns gesagt, dass wir in ein Arbeitslager kämen, damals habe ich das noch geglaubt. Im Zug war es tagsüber sehr heiß und nachts eiskalt - das war unser Glück. So konnten wir wenigstens das gefrorene Wasser von den Fenstern ablecken, damit wir nicht ganz verdursten.

Als wir am 1. Februar in Riga am Bahnhof Skirotava ankamen, wurden wir mit Gebrüll und Schlägen von der SS empfangen. Wir sollten einige Kilometer bis ins Ghetto Riga laufen, den Schwachen bot die SS scheinheilig eine Fahrt auf LKW dorthin an. Was die Menschen, die auf die LKW stiegen, nicht wussten: das war praktisch schon eine erste Selektion. Sie brauchten uns ja als Arbeiter. Wer nicht laufen konnte, konnte nach der Logik der SS auch nicht arbeiten und so fuhren die LKW mit ihrer Menschenfracht direkt zu den Erschießungsstätten im Wald von Bikernieki.”

Bernd Haase

Bernd Haase aus Gelsenkirchen, der heute 85jährig in den USA lebt, erzählt:

“Im Dezember 1941 wurden meine Mutter, meine Schwester und ich aufgefordert, unsere Habseligkeiten für eine Umsiedlung nach Osten zusammenzupacken. Wir kennzeichneten unsere Möbel und packten Bettzeug und Kleidung in Rucksäcke. Am Abreisetag packten wir noch Butterbrote ein. Es kam ein Bus und brachte uns vom “Judenhaus” an der Bochumer Straße zur Gelsenkirchener Ausstellungshalle. Für unsere Nachbarn fuhren wir äußerlich normal weg. In der Ausstellungshalle mussten wir dann wie Tiere auf dem strohbedeckten Boden liegen.

Nur ein kleiner Zwischenfall: Es hatte geschneit und das Auto von einem der Nazi-Bonzen kam nicht weiter. So mussten ich und ein paar Andere den Wagen bis zur Arminstrasse schieben. Doch fühlte ich mich für eine halbe Stunde frei. Am fünften Tag, früh am Morgen, mussten wir durch Schnee und Dunkelheit zum Güterbahnhof marschieren. Dort schickte uns die Gestapo in einen Personenzug, brüllend und Peitschen schwingend. Wir wurden durchsucht und unser Geld und andere Wertgegenstände wurden uns weggenommen. Wir hatten unsere Rucksäcke mit im Zugabteil, unsere Koffer und die Haushaltsgegenstände wurden in einen angehängten Waggon gepackt. Dieser Wagen wurde später abgekoppelt und sein Inhalt an Fremde verteilt. Langsam verließ der Zug Gelsenkirchen. In Dortmund wurden weitere Waggons angehängt.”

Elli Kamm, nee Diament

Elli Kamm starb 2002 im Alter von 76 Jahren in den USA. Sie erzählte:

“Im Januar 1942 pferchten sie uns zusammen in Gelsenkirchen einem großen Warteraum und steckten uns dann in Züge. Der Transport ging nach Riga, in Lettland. Die Züge waren sehr kalt. Ich weiß nicht mehr genau, es waren fünf Tage, sechs Tage. Es war so kalt. Einigen Leuten erfroren die Finger, die Zehen, die Füße, es war schrecklich. Wir hörten die Flugzeuge, es gab Schiessereien, Bombardierungen, aber jedenfalls kamen wir Ende Januar, Anfang Februar bei Riga an. Der Ort hieß Skirotava. Es fror, es war kalt.

Und denken Sie daran: Bevor wir Deutschland verließen, sagten sie uns, wir könnten nur so und so viel mitnehmen. Wir zogen zwei Unterhemden, drei Pullover, drei Blusen, drei, vier Unterhosen an, so dass, wenn sie uns das Gepäck wegnehmen würden, wir immer noch das hätten, was wir am Körper hatten und so die Möglichkeit hätten, eine Zeit lang zu wechseln. Als wir in Skirotava ankamen und die SS da stand, ich denke, Obersturmführer Lange war sein Name und einige Andere. Mit Hunden und Schnee bis zum Hals und sie schrien: “Raus, raus, raus!” Das war einfach schrecklich, ich meine so ein Chaos. Es war unglaublich. Sie befahlen uns, zu dritt oder zu viert da zu stehen und dann abzumarschieren.”

Herman Neudorf

Herman Neudorf, geboren in Horst-Emscher lebt heute in den USA, erzählt:

“Am 20. Dezember 1941 erhielten wir von der Gestapo, Staatspolizeistelle Gelsenkirchen, die erste Aufforderung: ‘Sie haben sich auf einen Transport zum Arbeitseinsatz nach dem Osten vorzubereiten. An Gepäck darf 10 RM mitgenommen werden. Die Fahrtkosten sind selbst zu entrichten - natürlich einfach, eine Rückfahrt war ja nicht vorgesehen. Vorbereitungen wurden getroffen. Medikamente, Frostschutzmittel, Winterkleidung, warme Decken und so weiter beschafft. Am 20. Januar 1942 kommt wieder ein Schreiben: ‘Sie haben sich zum Transport nach dem Osten in den nächsten drei Tagen bereitzuhalten.’ Nun ist es soweit.

An einem Januarmorgen um 10 Uhr morgens wurden wir von der Gestapo aus dem “Judenhaus” an der Markenstraße in Horst abgeholt und in einen Autobus verfrachtet, mit je einem Koffer. Im nu sammelte sich um das Auto eine Anzahl Schulkinder. Auf ihre neugierige Frage, wohin wir fahren, antwortete der Gestapo-Chauffeur: ‘Zur Erholung in ein Sanatorium.’ Am Sammelplatz schliefen wir eine Nacht am Boden und am nächsten Tag wurden wir verladen. Es war der 27. Januar 1942. Aber diese Mörder wußten zu gut, wohin unsere Fahrt führt. Hoher Schnee mit ca. 25 Grad Kälte. Der Zug stand bereit. Ungeheizt. Am Ende des Zuges wurden drei Wagen mit unseren Koffern, Verpflegung und Küchengeräten angehängt. Dann fuhren wir ab. Türen natürlich abgeschlossen. Vor Hannover erfuhren wir, daß die letzten Wagen “heißgelaufen” waren und abgehängt werden mußten. Nun besaßen wir nur noch das, was wir am Leibe trugen. Sechs Tage Fahrt durch Ostpreußen, Litauen, Lettland. Aborte verstopft, die Abteilwände mit einer Eisschicht überzogen.

Am 1. Februar erreichten wir unsere neue “Heimat”, der Transport hielt am Bahnhof Riga-Skirotava. Auf uns warteten schon SS-Leute in dicken Pelzmänteln. Sie trieben uns mit Schlägen, Beschimpfungen und Gebrüll aus dem Zug. Die Glieder waren noch starr vor Kälte. Zum Teil mit Autos oder zu Fuß ging es ab. Ungefähr drei Stunden Marsch. Lettische Wachen hüteten uns sorgfältig und rissen einigen gute Kleidungsstücke vom Leibe herunter. Ein mit Stacheldraht umgebener Stadtteil tauchte auf. Personen mit gelben “Judensternen” konnte ich erkennen. Das war also das Rigaer Ghetto, das uns allen ewig in Erinnerung bleiben sollte. Oft wundert man sich selbst, dass man diese schrecklichen Jahre, die noch folgten, überhaupt überleben konnte.”

Mehr auf www.gelsenzentrum.de :
Den Holocaust überlebt - Menschen aus Gelsenkirchen berichten

Woche der Erinnerung in Gelsenkirchen

Gedenken zum 70. Jahrestag der Wannseekonferenz

Der Massenmord an den Juden sowie an den Sinti und Roma war längst beschlossene Sache und schon im Gange. Die ersten Züge mit ihrer Menschenfracht rollten bereits Richtung Osten, als die berüchtigte Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 in einer Villa am Großen Wannsee bei Berlin stattfand.

Der Schauplatz der Wannseekonferenz in Berlin, Am Großen Wannsee 56 - 58
In dieser Villa fand die Wannseekonferenz am 20. Januar 1942 statt

Hauptzweck der Konferenz - in den Einladungen als  “Besprechung mit Frühstück” bezeichnet - war die Deportation der gesamten jüdischen Bevölkerung Europas zur Vernichtung in den Osten zu organisieren und zu koordinieren. Einziger Tagesordnungspunkt: “Die Endlösung der Judenfrage”. Die Teilnehmer, 15 führende Nazis, darunter Vertreter der SS und aller betroffenen Staatsbehörden,  legten den zeitlichen Ablauf für die weiteren Massentötungen fest, grenzten die dafür vorgesehenen Opfergruppen genauer ein und einigten sich auf eine Zusammenarbeit unter Leitung von Heydrich, Chef des Reichssicherheitshauptamts.  Adolf Eichmann, der “Judenreferent” Heydrichs, war für das Protokoll zuständig.

Heydrichs Plan sah die systematische Vertreibung und Vernichtung von rund elf Millionen Menschen vor. Er nannte ihn „Endlösung der europäischen Judenfrage“, das bedeutet nichts anderes als die Koordination des Massenmordes, geplant war die systematische Vertreibung und Vernichtung von rund elf Millionen Menschen jüdischer Herkunft. Das den Opfern zugedachte Schicksal war grauenvoll: Straßenbau im Osten, “wobei zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird”. Der “verbleibende Restbestand wird, da es sich bei diesem zweifellos um den widerstandsfähigsten Teil handelt, entsprechend behandelt werden”. Hunderttausende der  deutschen “Volksgenossen” halfen dabei mit, etwa 6 Millionen Menschen jüdischer Herkunft fielen der Massenvernichtungsaktion zum Opfer. Es war eines der größten Verbrechen in der Menschheitsgeschichte.

Anlässlich des 70. Jahrestages der berüchtigten Wannseekonferenz zeigt der gemeinnützige Verein Gelsenzentrum am 19. Januar 2012  im Gelsenkirchener Kulturzentrum “die flora” den Film “Nacht und Nebel”. Die Gedenkveranstaltung beginnt um 19 Uhr mit einem Vortrag von Hartmut Hering. Eintritt frei -  um eine Spende für das Projekt Stolpersteine in Gelsenkirchen wird gebeten.

Kulturzentrum “die flora”

Gelsenzentrum e.V. - Woche der Erinnerung

Stadtgeschichte: Das “Judenhaus” an der Markenstrasse 29

NS-Zeit in Gelsenkirchen-Horst

Die Bezeichnung “Judenhaus” wurde in Nazi-Deutschland im Alltags- und Behördengebrauch für Wohnhäuser aus ehemals jüdischem Eigentum verwendet, in die ab Herbst 1939 ausschließlich Juden eingewiesen wurden. Diese Häuser wurden außen mit einem großen, gelben Stern gekennzeichnet. Die “Judenhäuser” waren nichts anderes als kleinräumige Ghettos, sie standen unter ständiger Kontrolle der Gestapo. Im Gelsenkirchener Ortsteil Horst befanden sich so genannte “Judenhäuser” an der Fischerstrasse 173, der Markenstrasse 28 und 29.

Die Erfassung der jüdischen Bevölkerung und ihre Konzentration in den so genannten “Judenhäusern” war eine Vorstufe für die im Herbst 1941 beziehungsweise Januar 1942 einsetzenden Massendeportationen in die Konzentrations- und Vernichtungslager in Osteuropa. Am 27. Januar 1942 verließ der erste Menschentransport Gelsenkirchen, mehr als 350 Gelsenkirchener Juden wurden zunächst in das Ghetto Riga verschleppt, die wenigsten von ihnen überlebten die NS-Mord-Maschinerie.

Die Markenstrasse 29 in Gelsenkirchen-Horst heute. Im Erdgeschoß befand sich bis Ende der Dreißiger Jahre das Schuh- und Lederwarengeschäft des jüdischen Kaufmanns Moritz Stein.
Die Markenstrasse 29 in Gelsenkirchen-Horst heute. Im Erdgeschoß befand sich bis Ende der Dreißiger Jahre das Schuh- und Lederwarengeschäft des jüdischen Kaufmanns Moritz Stein.

In der Nazizeit wurde Juden der Besitz an Wohneigentum untersagt – sie wurden enteignet, Haus- und Grundbesitz wurde “arisiert”. Am 30. April 1939 wurde das “Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden” erlassen. Wie zahlreiche andere seit 1933 erschienene Gesetze und Verordnungen trug es massiv dazu bei, das Leben jüdischer Familien weiter zu sanktionieren. Juden und “Arier” sollten nicht mehr unter einem Dach wohnen, Mietverhältnisse mit Juden konnten nun nach Belieben aufgehoben werden. Mit Hilfe der Stadtverwaltung - federführend war dabei das Wohnungsamt - wurden jüdische Familien erfasst und zwangsweise in die so genannte “Judenhäuser” einquartiert. Dies waren in der Regel Häuser, die sich (noch) in jüdischem Eigentum befanden. In die Wohnungen der dort lebenden Menschen wurden in der Folge weitere Familien zwangsweise einquartiert, so dass immer mehr Menschen auf kleinstem Raum zusammengepfercht wurden. In Hamburg wurden beispielsweise pro Person nur sechs bis acht Quadratmeter Wohnfläche zugestanden.

Das Wohn- und Geschäftshaus an der Markenstrasse 29 gehörte dem jüdischen Schuh- und Lederwarenhändler Moritz Stein, der im Erdgeschoß bis zu seinem Tod im Dezember 1938 ein Schuhgeschäft betrieb. Im Haus wohnte bereits die Familie Süsskind, zwangsweise dort einquartiert wurden dann ab 1940/41 Angehörige der Familie Langer, Frieda und Hermann Neudorf, Auguste Bry und die Eheleute Siegmund und Wittel Heinberg. Im Herbst 2012 verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig vor dem Haus Stolpersteine zur Erinnerung an Familie Süsskind.

Victor Klemperer notierte über ein Dresdner “Judenhaus”: “Cohns, Stühlers, wir. Badezimmer und Klo gemeinsam. Küche gemeinsam mit Stühlers, nur halb getrennt - eine Wasserstelle für alle drei (…) Es ist schon halb Barackenleben, man stolpert übereinander, durcheinander.” Klemperer schreibt in seinen Tagebüchern mehrfach über ihm berichtete wie auch selbst erlebte “Haussuchungspogrome”, bei denen die Bewohner von Gestapobeamten beleidigt, bespuckt, geohrfeigt, getreten, geschlagen und bestohlen wurden. “Im Aufwachen: Werden “Sie” heute kommen? Beim Waschen…: Wohin mit der Seife, wenn “Sie” jetzt kommen? Dann Frühstück: alles aus dem Versteck holen, in das Versteck zurücktragen. (…) Dann das Klingeln … Ist es die Briefträgerin, oder sind “Sie” es?”

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